Taiwan stinkt – von Tourgruppen bis Tofu.

Modern Toilet Restaurant

Ein Monsterflug brachte uns direkt von Los Angeles nach Taiwan. Die Reise retour nach Asien, in ein Land mit einem interessanten Kulturenmix, in ein Gourmet-Paradies bestückt mit landschaftlichen Perlen – so hatten wir es uns ausgemalt. Geflogen sind wir lange. Irgendwie aber vor allem auf die Nase.

Die ersten vier Tage waren ja noch spannend. Nach über einem Jahr an Orten, wo wir uns mit der lokalen Bevölkerung unterhalten konnten, verstanden wir in Taiwan wieder gar nichts. Nicht mal die Schriftzeichen. Doch das war egal, ja manchmal sogar befreiend, mussten wir doch so die erschreckend häufig einigermassen stumpfen Alltagsgespräche nicht mehr mithören. Wie aufregend, durch die Strassen zu laufen in einer neuen Stadt, in einer neuen Kultur. «Ich vermute, einige Familien halten hier im Hinterhof tatsächlich noch Schweine», erzählte ich meinen Eltern nach zwei Tagen in Taipei, «es riecht wirklich genau so, wie bei uns früher im Stall.» Es gab so vieles zu entdecken. Noch nie vorher hatte ich meine schmutzigen Kleider in eine Maschine gelegt und sie nach zwei Stunden gewaschen und gleich auch noch getrocknet wieder herausnehmen können.

Vier Wochen später finde ich mich heulend in einem Zimmer, in dem ich nicht sein möchte, in einer Stadt, die mich nicht mag, gefangen auf dieser Insel, die es mir nicht mehr Recht machen können wird. Und das an Weihnachten. Nun gut, objektiv verschlimmert dieses ritualbeladene, Familie- und Heimat-assoziierte Fest meinen Zustand nicht, hilft aber doch sehr zur Steigerung des wohl wieder mal eingetretenen Selbstmitleides. Oh weh. Wie jetzt wieder da raus? Flucht ist mein erster Gedanke. Vernunft und vielleicht auch ein wenig Stolz halten mich davon ab, einen gebuchten Flug zu verschieben. So schlimm kann es ja nicht sein.

Wie ist es nur soweit gekommen? Ich bitte um Verständnis für meine Misere. Hier sind sie, all die Schrecklichkeiten, die mir widerfahren sind:

  1. Diese abgrundtiefe Hässlichkeit. Schlechte Architekten scheinen landesweit einen Wettbewerb der ästhetisch unzumutbarsten Gebäude am Laufen zu haben (und nein, über Geschmack lässt sich nicht streiten). Dabei sind es nicht nur die Bauten an sich, sondern genau so ihre Verwahrlosung, Vermüllung, Verschandelung.
  2. Diese Menschen. Eigentlich ähnlich den Gebäuden. Nur sehr viel lauter. Und ganz extrem viele. Taiwan ist ein wenig kleiner als die Schweiz. Hier leben aber 23 Millionen Menschen. Führt dieser (hier schon eher reale) Dichtestress zu rüpelhaftem Verhalten? Zu weltmeisterlich effizient und maximal schamloser Drängelkunst? Zur Vernachlässigung von Körperpflege? Zur totalsten Gleichgültigkeit gegenüber jeglichen Stils?
  3. Das Essen. Fleisch, Fleisch, Fleisch überall. Auch in den Gemüse-Dumplings. Alles schmeckt irgendwie nach dem selben Frittieröl. Und he, selbst eigentlich sichere Werte wie Makis werden hier dank grösster Unsorgfalt zum unappetitlichen Graus, dekoriert mit meinen Tränen der Enttäuschung und Wut (nachdem ich dreimal Fleisch statt etwas Vegetarisches auf dem Teller hatte).

Von der Finsternis…
So rattert er vor sich hin, unser Zug. Draussen regnet es, dunkle Wolkenfetzen hangen über dem Himmel. Es schaudert mich. Die Klimaanlage ist zu kalt. Nicht ganz so cool wie sich die Youngsters im Abteil gegenüber mit Strickpullover, Hut und Sonnenbrille zu fühlen scheinen. Sie erinnern mich für einen kurzen Moment an die hippen Japaner, die mir dort oft begegnet sind. Der Moment ist kurz, schnell ist sie erkennbar, die Kopie. Möchtegern. Ganz ohne Stil. Dreckige Schuhe, schlufig geschnürt. Polyesterhose mit offener Naht, ebenso synthetisch das Oberteil. Am schlimmsten aber die Tasche: Das Gold des übergrossen MK-Anhängers blättert ab, von ähnlicher Qualität ist das Kunstleder dieses Modells, das es so vermutlich nicht mal ansatzweise in die Kollektion des mir unverständlicherweise weltweit beliebtesten Fussvolkdesigners geschafft hätte.

Der Zug hält, wir steigen aus. Im Bahnhof gibt es eine Filiale dieser japanischen Bäckerei. Die (vermeintlich salzigen) Backwaren sind auch hier alle süss, aber weniger als bei der Konkurrenz. Natürlich sieht hier alles viel schöner aus und es gibt tatsächlich einige Sandwiches ohne getrocknete, geschredderte Schweinehaut (Pork Floss). Nebenan hoffe ich, ein Onigiri (gefüllter Reisball) zu finden. Welches ist nun der mit Fisch? Das chinesische Zeichen für Fisch, das ich mir gemerkt hatte, gleicht keinem von denen hier. Kann ich jemanden fragen? Neben mir ein junger Mann. In nicht zu forschem Ton, mit leicht gebeugter Haltung und beinahe demütigem Blick in Richtung Boden frage ich ihn, ob er Englisch spreche. Er schaut mich kurz an, dreht sich um und rennt weg. Seine Freundin lacht sehr laut und klatscht ihn auf den Rücken. Ich stehe da, bin irritiert, versuche Verständnis zu schaffen und gebe auf. Ich werde niemanden mehr bedrängen mit Englisch, schon gar nicht die Kassenfrau, die sich schon vor meinen eventuellen Fragen zu fürchten scheint. Ich setze auf Online-Kommunikationshilfe. Mit dem Reisding laufe ich zur Kasse, tippe «Fisch?» in die Übersetzungs-App und strecke der Kassenfrau die Mandarin-Übersetzung hin. Und siehe da, ein kleines Wunder: Die Erleichterung (nicht Englisch sprechen zu müssen?) steht ihr ins Gesicht geschrieben. Sie strahlt mich richtiggehend an. Und ich retour.

…in die Sonne.
Genau so sonnig die Situation am Busbahnhof. Ich brauche zwei Tickets für eine Reise in den Süden. Wann ist die Abfahrtszeit? Wie lange dauert die Fahrt? Wie viel kosten die Tickets? Wo ist die Haltestelle? Die Kurzversion tippe ich in die App. Die Frau am Schalter holt ihr Telefon und tippt die Antworten in ihre Übersetzungshilfe. Grossartig. Und sehr freundlich und hilfsbereit. Vor allem wenn man bedenkt, wie viele Mandarin-Zeichen die Frau tippen muss, bis eine englische Übersetzung auf dem Display erscheint.

Leichten Herzens und leicht geflasht vom poetischen Englisch der Übersetzungs-App laufe ich am Taxifahrer vorbei, der mich sicher gleich zum dritten Mal ziemlich aufdringlich mit „Taxi?!“ ansprechen wird. Ich heisse zum Glück nicht Taxi und werde jetzt nett sein zu ihm. Er kommt auf mich zu, aus seinem Mundwinkel tropft ekliger roter Betelnusssaft. Bevor er etwas sagen kann, weise ich ihn in freundlichstem Schweizerdeutsch und mit Zeichensprache auf sein Malheur hin und laufe weiter. Und er? Er überrascht mich auch: «Oh, oh, yes, thank you,» und putzt sich den Mund.

Es gibt diese heiteren Momente auf der Reise durch Taiwan, Momente, in denen ich mich als Tourist ohne Kenntnisse der Landessprache willkommen fühle. Die für Asien seltene Kaffeekultur und die Nachtmärkte mit zugegebenermassen auch sehr kreativen Leckereien (z.B. Glace in Reispapier mit geraspelten Erdnüssen und Koriander oder hauchdünner Waffelteig gefüllt mit Crème brûlée und Bohnenmousse) sind einladend für westliche Gäste. Auch erlebe ich viele komische Situationen, die in herzhaftem Lachen enden, wenn man das Missverständnis aufklären kann.

Die Natur hat atemberaubende Kulissen zu bieten – von Schluchten mit beeindruckenden Wasserfällen, rauhen Stränden, dichten Wäldern, Tropfsteinhöhlen, Warmwasserquellen bis zu hohen Bergen. Einzigartig in Taiwan allerdings: In jedem auf irgendeine mögliche oder unmögliche Weise zugänglichen Winkel ist selbst in der Nebensaison eine chinesische Tourgruppe anzutreffen, die in unschöner Art häufig die Hauptattraktion darstellt. Eine rüpelhafte, laute, spuckende, drängelnde, starrende, knipsende und dauerrauchende Invasion. Eine Nation, die über 1500 Kriegsraketen auf die Kommunismus Abtrünnigen der Nachbarinsel richtet und Taiwan nicht als eigenen Staat anerkennt, reist in hunderten von Tourbussen durch das ganze Land. Irgendwie passt das nicht so ganz.

Wie eben so einiges nicht passt. Mir nicht passt. Nachdem ich bemerkt habe, dass doch keine Schweine in Hinterhöfen gehalten werden und der penetrante Geruch tatsächlich vom Stink-Tofu herrührt (und dieser auch so schmeckt, wie ich mir vorstelle, dass Schweinemist schmecken würde), weiss ich: Mein Herz schlägt für Japan, wo ich das Schöne von Taiwan in multipler Ausführung, auf grösserer Fläche, minus der oben beschriebenen Mängel finde.

4 Kommentare

  1. der beste eurer reiseberichte bis anhin. sehr toll. werde die berichte ab april vermissen. wollt ihr nicht doch noch etwas länger bleiben 🙂

    1. Danke, lieber Dani. Freut uns natürlich sehr zu hören. Wir würden ja schon noch viel länger bleiben, aber jetzt müssen wir doch erst mal zurück in die Heimat und zusehen, dass unsere Freunde uns noch kennen. Bis gli.

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