Die Leiden der jungen Reisenden

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Ich finde das ja furchtbar, diese Ferienbilder die alle immer verbreiten: glückliche Menschen, relaxte Stimmung und exotische Leckereien. Ich werde das nicht tun. Ich bin ehrlich und sage euch: So ist es nicht.

Sechs bis zehn Kilometer laufen wir auf staubigen Strassen, manchmal ohne genau zu wissen, wo und ob wir ankommen werden. Vielleicht finden wir dann mal eine öffentliche Senklochtoilette, die wir barfuss aufsuchen müssen. Manchmal fahren wir mit heruntergekommenen Bussen, die auf noch viel prekäreren Strassen mit teilweise zweifelhaften Chauffeuren unterwegs sind. Wenn auch sonst nicht viel funktioniert an den heillos überfüllten Transportmitteln für Mensch, Tier, Haushalt- und Lagerwaren, so ganz bestimmt die laute Hupe. Immer und immer wieder wird sie betätigt, so oft, dass sie mit viel Vorstellungskraft zu einem meditativen Element werden kann, das uns zwischendurch sogar ein wenig schlafen lässt. Bitternötig, denn auf lange Sicht sind die Überholmanöver nicht gut für die Nerven. Zumal die Fahrzeuge in Myanmar bei Rechtsverkehr trotzdem rechts gesteuert sind – importiert aus Japan. Was dann auch das Ein- und Aussteigen irgendwo auf der Strasse interessant gestaltet.

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Die Strassen sind so staubig, dass unser Füsse und Beine nach wenigen Schritten schwarz sind, der Schweiss wird zu einem permanenten Bächlein, das über unsere Körper fliesst. Oft sind wir gar nicht mehr in der Lage etwas zu sagen, so sehr sind wir damit beschäftigt, all die neuen Eindrücke aufzunehmen, darauf zu achten, nicht in ein Loch in der Strasse zu fallen oder überfahren zu werden.

Natürlich lassen wir die Touristenattraktionen nicht alle aus. Im Süden von Myanmar besuchen wir eine spannende Höhle. Wir laufen auf der einen Seite rein, etwa eine halbe Stunde später kommen wir auf der andern Seite wieder raus aus dem Berg. Dazwischen gehen wir mit nackten Füssen über frische Fledermauskacke. Auch kulinarische Erlebnisse bereichern uns: Wer von euch hat schon mal sein Essen mit blossen Händen aus Schüsseln voller Öl gefischt? Notabene oftmals ohne genau zu wissen, was man da eigentlich isst. Und wir denken, dies dürfte nur ein kleiner Vorgeschmack sein auf das, was uns in China erwartet.

Essen in Öl in Myanmar

In der Zwischenzeit sind wir in Laos angekommen. Das heisst, angekommen sind wir noch nicht so richtig. Schon an der Grenze fing es an: Stundenlanges Warten auf das Visum. Die Weiterfahrt zum nächsten Ort ist nur mit einem Tuktuk möglich – diesen kleinen, stets überteuerten Taxis, die erst losfahren, wenn sie so gefüllt sind, dass jeder der Gäste auf einer Arschbacke sitzt. Wir treffen die Fehlentscheidung einer zweitätigen Mekongfahrt nach Luang Prabang. Auf dem Schiff sind die Platzverhältnisse wie im Tuktuk. Nach sechs langen Stunden kommen wir im kleinen Dorf Pakbeng an, wo wir übernachten. Wir finden einen schäbiges Zimmer zu einem unverhältnismässigen Preis. Ähnlich beim Nachtessen: Wir bezahlen für eine einfache Bouillon mit Kürbis gleich viel wie für das Zimmer. Das Wasser ist teurer als in der Schweiz. Die Bedienung unfreundlich, wir haben im besten Fall das Gefühl, geduldet zu sein.

Wir bemühen uns ja wirklich, aber so richtig warm werden wir hier nicht mit Land und Leuten. Noch selten haben wir uns so unwillkommen gefühlt wie hier in Laos. Grimmige, motivationsfreie Gesichter treffen wir. Weder im Restaurant, noch auf dem Markt, noch im Quartierladen, nicht mal beim Fahrradverleih will man uns so richtig beachten. Wir verstehen es nicht.

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Und manchmal verstehe ich mich selber nicht mehr: Nachdem wir uns ein Zimmer reserviert haben und am nächsten Morgen mit Sack und Pack an der Reception einchecken wollen, sagt uns Madame hinter der Theke: „Nein, wir haben kein Zimmer“. Wir denken, es muss sich um ein Missverständnis handeln, versuchen, ruhig zu erklären, dass wir uns am Vorabend für Zimmer 208 eingeschrieben hätten. Madame wird richtig laut, blafft uns aggressiv an, der „Mann vom Abend“ könne keine Reservationen entgegennehmen, sie hätte kein Zimmer, wir sollten jetzt woanders was suchen. Wir verstehen es nicht, insistieren. Alle suchten ein günstiges Zimmer, entgegnet sie, sie habe jetzt keines mehr. Wir klappern stundenlang Hostels ab. Es ist heiss und ermüdend. Ich bin richtig, richtig wütend. Madames Aggression hat mich angesteckt und ich beginne Rachepläne zu schmieden. Verbale Attacken scheinen mir zu wenig effektiv. Vielleicht überschütte ich sie zum Dank mit Klebemasse der übelsten Sorte: Chillisosse. Genau.

Endlich ein Zimmer gefunden, geh ich nochmal zu Madame, sage ihr in ruhigem Ton, ich würde mich gerne noch bedanken wollen bei ihr für den freundlichen Service, und dass das auch alles so gut klappe mit den Reservationen. Sie unterbricht mich diesmal nicht, traut wohl ihren Ohren nicht und schaut mich mit grossen Augen an. Ich zittere wie Espenlaub, vielleicht bahnt sich schon Erbarmen an. Aber nein, ich hole aus: Etwa 2dl rote, klebrige Chillisosse bekommt sie ab. Über Kopf, Kleider und Schreibtisch. Sie ist schockiert, regt sich nicht und sagt nur: „very bad“. Genau, das hatte ich mir auch gedacht. Ich laufe weg, noch immer zitternd. Ich werde es gleich bereuen, mich schämen und vielleicht sogar entschuldigen. Was ihr nun auch immer denken mögt, so war es nicht: Es hat sich gut angefühlt. Rache schmeckt tatsächlich süss. Aber wirklich glücklich macht sie trotzdem nicht. Wir haben uns heute ein Busticket gekauft. Morgen fahren wir weiter nach Vientiane an die thailändische Grenze. Unsere Erwartungen sind tief. Sie können nur übertroffen werden.

 

 

11 Kommentare

    1. Lieber Tobi
      Danke dir. Sicher doch, wir werden ja auch dazu gezwungen zu tun, was wir tun 🙂
      Guten Flug und liebe Grüsse aus Luang Prabang.
      M

  1. Oje! Das klingt ganz nach unseren ersten Wochen in Vietnam! Horror! Falls ihr flexibel mit euren Reisezielen seid, versucht doch eher aufs Land zu kommen. Weg von den touristischen Orten. Bei uns war’s ein himmelweiter Unterschied… Ich hoffe fest, dass ihr eure Reise doch noch geniessen könnt.
    Glg Mirjam Bühlmann

    1. Liebe Mirjam
      Danke für deinen Kommentar. Sooo schlimm ist es nun also doch nicht, gell. Es hat eine ganze Weile gebraucht, bis wir ausreichend Leidenssituationen für einen ganzen Bericht gefunden hatten. Aber du hast Recht, wir werden sicher wieder mehr off the beaten track, haben gute Erfahrungen damit gemacht.
      Liebe Grüsse
      M

    1. Lieber Mark
      Ja genau, das war auch ganz oben auf unserer Laos-Liste. Haben uns dann aber nach ein paar Reiseberichten doch dagegen entschieden.
      Liebe Grüsse und eine gute Zeit.
      M

  2. Oh je, auf Lei Thar Gone hätte es bestimmt noch freie ZImmer! Häbet sorg!
    Liebe Grüsse, seit Freitag wieder in der Schweiz. Therese

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