Die Spitaltesterin in Hawaii

Notfallaufnahme

Zwar noch immer leicht erschüttert von meinen Erfahrungen im japanischen Spital, habe ich mich in Hawaii zum zweiten Mal auf meine Mission als Spitaltesterin begeben. Als Testobjekt suchte ich mir diesmal die Notfallaufnahme aus, den «Emergency Room».  

Es sollte mein teuerstes Bett auf der gesamten Reise werden. Nur wusste ich das vorher noch nicht. Sonst hätte ich bestimmt eine andere Wahl getroffen. Also gut, ehrlich gesagt, meine Optionen waren auch ziemlich beschränkt. Die Notfallaufnahme war für mich schlicht die einzige Möglichkeit, ausserhalb von Apotheken medizinischen Zugang zu erhalten.

Beim Empfang des Emergency Room gibt es nur einen Schalter, besetzt mit einer Person, die mir ein einziges Papier zum Ausfüllen reicht. Name, Vorname, Adresse, Kreditkarten-Nummer. Ach ja, dann doch noch kurz die Frage nach dem Grund für mein Erscheinen. Ich verschweige meine Spitaltestermission.

Dank meinem über und über mit roten und fürchterlich juckenden Flecken überzogenen Körper führt mich die weiss gekleidete Frau durch einen angenehm klimatisierten Raum. Erste Tür links, dann rechts und weiter in einen etwas grösseren Raum. Es gibt hier ganz viele Zimmer, also eigentlich von der Decke bis zum Boden reichende Vorhänge, die Abteile bilden. Auch ich komme in so ein Vorhang-Abteil, minimalistisch ausgestattet mit einer Pritsche und zwei Stühlen. Auf die Pritsche geheisst mich die Frau zu sitzen, schliesst den Vorhang und verschwindet.

Ich sitze da und warte. Richtig geniessen kann ich mein Vorhangzimmer nicht. Der Herr hinter dem Vorhang links von mir ist offenbar sehr schlimm dran. Ich erfahre seine gesamte Leidensgeschichte, die er im Detail dem anwesenden Arzt schildert. Viel zu viele Informationen. Genau so wie die Frau rechts von mir, sie erzählt schlimme Geschichten. Auch zu ihrer Erkrankung könnte ich im Detail Auskunft geben. Und ich würde wohl ein gesamtes Kapitel ihren nasenfeindlichen Ausdünstungen widmen, die, kaum vom Vorhang abgehalten, zu mir überschwappen.

Dann bekomme ich Besuch. Von einem sehr netten, ganz in hellblau gekleideten Herrn. Er überreicht mir ein hübsches hellgraues Schürzenkleid, das ich mir umbinden soll. Die Ärztin käme dann gleich auch noch, meint er. Zehn Minuten später ist sie bei mir. Mit einem Blöckli. Fragt nach den roten Flecken. Notiert meine Antwort. Sagt, wahrscheinlich zeigte ich eine allergische Reaktion. Sie würde mir ein Antihistamin verabreichen und ich solle mein Blut testen lassen. Dann verabschiedet sie sich und der hellblaue Mann taucht wieder auf: Auf seinem Tablett ein Plastikkübeli mit dem Medikament und eines mit Wasser. Tablettli schlucken, Wasser trinken, hellgraue Schürze ablegen und schon verlasse ich mein Vorhangzimmer. Beim Schalter händigt man mir noch ein Papier von der Ärztin aus mit der Laborüberweisung für den Bluttest.

Zwei Wochen später dann die grosse Überraschung: Die zwanzig Minuten auf der Pritsche inklusive der kaum zehnminütigen Visite von Frau Doktor kosten mich 1153 Dollar! Knapp mein halbes Monatsbudget für ein Vorhangzimmer ohne Geräusch- und Geruchsabdeckung, ohne eigene sanitäre Anlagen, stillos eingerichtet, ohne Tageslicht und ausschliesslich zu zwanzigminütiger Nutzung. Ein doch recht stolzer Preis. Ich werde auf weitere Spitaltestereien in den Staaten verzichten.

Die Flecken und der Juckreiz verschwinden dann übrigens ein paar Histamine später. Ich erfahre später von nichtmedizinischem Personal, dass ich vermutlich allergisch auf die Mangos in unserem botanischen Garten reagiert habe.

Alle Spitaltests anschauen.

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