Der lange Weg nach Beverly Hills

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Von Mexiko in die USA per Bus: 1’800 Kilometer, 45 Stunden. Wir überqueren einen der gefährlichsten Grenzübergänge, reisen mit Junkies im Nachtbus und kommen einigermassen durchgeschüttelt an in unserem neuen Zuhause in Beverly Hills. Das Protokoll einer Reise, die uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.

Montag, 14. November 2016

15:00, El Fuerte, Sinaloa, Mexiko
Ariel – Wir machen uns bereit zum Aufbruch in eine neue Welt. Kleider wechseln, Koffer packen, noch schnell die Mails checken, neue Musik downloaden und ganz viel trinken.
Monika – Im Nie-aus-den-Händen-lass-Rucksack, feinsäuberlich gepackt: 1 Unterhose, 2 Shirts, 1 Schal, 1 dünner Pulli, 1 dicker Pulli, 1 Sneaker-Socken, 1 Kniesocken, 1 Jeans, 1 gestohlene Flugzeugdecke (Danke, Avianca), Zahnbürste, Deo, Waschlappen. Pass, Computer, Ipad, Telefon, Kopfhörer, Schlafmaske. Getränke und viel Mood-Food (ungesund).

15:45
Einsteigen in den ersten Bus, der uns nach Los Mochis bringen soll. Dauer der Fahrt: 90. Minuten. Toiletten: Nicht vorhanden.
Der Chauffeuer hat gelogen, das ist KEIN direkter Bus. Der hält an jeder Ecke. Fahrtzeit wird sich verdoppeln. Ich hätte Ariel nicht bitten sollen, die Flasche noch leer zu trinken.

16:30
Ariel wagt sich in die vorderen Busreihen. Will den Chauffeur um einen WC-Stopp bitten.

16:40
Ariel sitzt immer noch da. Er ist viel zu anständig, als dass er um den Halt bitten würde. Ausser es ist wirklich superextrem dringend.
Ganz dringendes Bedürfnis, zu viel getrunken, es geht nicht mehr. Ich bitte den Fahrer, kurz anzuhalten, und komme danach so was von erleichtert zurück. 

17:20, Los Mochis, Sinaloa, Mexiko
Der Fahrer hält vor einem Einkaufszentrum und bedeutet uns auszusteigen. Der Terminal unseres Weiterreisebuses sei gleich dahinter. Auch interessant: Hier wurde der Boss des gefährlichsten und mächtigsten Drogenkartells der Welt, Joaquin “el Chapo” Guzman, im Januar 2016 festgenommen, nachdem er aus einem Hochsicherheitsgefängnis ausgebrochen ist.

17:30
Der Busterminal gleicht einer neu-schicken, gut gemeinten 3-Sterne-Hotellobby. Die Klimaanlage minimiert die Temperaturen im Innenbereich um mindestens 15 Grad. Könnte ein Indiz auf die Bustemperaturen sein. Alles schon erlebt und daraus gelernt (siehe Packliste für Nie-aus-den-Händen-lass-Rucksack).

17:40
Ich stehe am Billetschalter unseres Weiterreisebuses. Wochen vorher hab ich die Fahrt in die USA per Telefon gekauft. Sie haben mir eine Nummer diktiert, mit der ich jetzt hier die Papierfahrkarten erhalten sollte. Es klappt.
Es hat hier WiFi. Ich könnte jetzt mal googlen, wie Männer am besten ihre Blase trainieren. 

18:00
Drei Stunden in einem unsympathischen Einkaufszentrum totzuschlagen, kommt bei uns auch schon mal vor. Nach dem dritten oder vierten Mal sind die annehmlichkeitsmaximierenden Strategien ausgereift und um die gleichzeitig effiziente Zeittötungskomponente erweitert. Resultat: Wir verlassen den Konsumpalast zwar licht- und lärmgeplagt, sind aber satt, frisch(lich) gewaschen, umgezogen und zähnegeputzt. Ausserdem haben wir unsere Pesos sinnvoll in mexikanische Delikatessen investiert. Sogar für frische Früchte hat es gereicht.

21:20
Einsteigen in den Nachtbus. Unsere Sitze sind gross und sehr bequem. Es gibt ein Damen- und ein Herrenklo. Für einmal laufen keine nervigen Filme («Kaufhaus Cop 2» haben wir bestimmt schon in drei andern Bussen gesehen), da jeder seinen eigenen Bildschirm hat. Was für eine Wohltat.
Es gibt Mitpassagiere, die sich wohl ein ganzes Jahr auf diese Busreise vorgefreut und sich ein Film-Binge-Watching vorgenommen haben: Jede einzelne Fahrtminute snackend vor dem Bildschirm verbringen. OMG. 

22:45
Das erste Mal eingenickt, um dann gleich wieder aussteigen zu müssen. Militärkontrolle. Jedes Gepäckstück wird hundebeschnüffelt. 20 Minuten stehen wir schlaftrunken in der Kälte.

00:40
An der Grenze zum Staat Sonora müssen erneut alle ausstiegen. Der Bus und unser Gepäck werden auf Drogen und Waffen durchsucht. Moni muss die Früchte abgeben, weil auch Mandarinen die Staatsgrenze nicht passieren dürfen. Schlimm.
Unsere letzten mexikanischen Früchte waren wahrscheinlich das Quoten-Konfiszierungsgut. So ein Blödkopf, das war unser Frühstück!

03:45
Vier neue Alben hab ich erstaunlich konzentriert durchgehört. Schlaf ist weit weg. Komische Intervallklimatisation und komische Duftnote. Mein Fuss will sich einfach nicht stabil auf die eigentlich hundertfach erprobte Vordersitzfixierungsposition bringen lassen. 

Dienstag, 15. November 2016

09:40, Nogales, Sonora, Mexiko: Grenzübergang
Diesmal wollen wir keine zwei Stunden im Vorzimmer zum Verhörraum für die Verdächtigen verbringen, bevor uns, so er denn will, der kaugummikauende Officer mit dem Giant-Starbucks-Becher und dem Donut neben sich den Eintritt ins gelobte Land gewährleistet. Wir sind vorbereitet, haben einen Plan, eine Adresse, eine Bestätigung der Autovermietung und einen vorgebuchten Flug weg aus den USA.
Die Grenze. Eine der fabulösesten der Welt. Wieder röntgen sie unser Gepäck, stellen ein paar Fragen und lassen uns dann erstaunlich schnell einreisen. Der Eintrittspreis beträgt hier sechs Dollar pro Person. Die Benutzung der sauberen, neuen Toiletten ist inbegriffen. Wir sind froh.

10:45, Tucson, Arizona, USA
Endpunkt dieser Etappe. Irgendwio weit ausserhalb der Stadt hält der mexikanische Bus und lässt uns aussteigen. Wir müssen zur Greyhound Station, am besten im Taxi, so rät man uns. Aber wir haben viel Zeit und wenig Geld, also warten wir an der Haltestelle nebenan.
Unsere erste Busfahrt in den USA. Wegen fehlendem Kleingeld können wir sie erst Mal gar nicht bezahlen. Der dunkelhäutige Chauffeur erlaubt uns sehr grummliggrimmlig Schwarzfahren. 

12:20
Wir sind an der Greyhound Station. Unser Gepäck ist aufgegeben, wir haben frische Kleider angezogen und die Zähne geputzt. Nun haben wir sechs Stunden Zeit, Tucson zu erkunden. Erster Halt: Das Cafe «Shot in the Dark» für Frühstück und Internet. «Somewhatconfusing» lautet das Passwort fürs WiFi.

15:30
Laut Google Maps sollte hier bald ein Bus halten, der uns ans andere Ende der Stadt bringt. Er fährt vorbei, der Fahrer winkt uns verneinend zu. Falsche Haltestelle. Nur: Wo ist die Richtige? Nach langem Hin und Her finden wir sie, nach einer Stunde warten fährt der nächste Bus. Irgendwie sinnbildlich für den öffentlichen Verkehr in den USA (mit Ausnahme von New York): Nur Schüler, Junkies, Obdachlose und ganz arme Leute machen davon Gebrauch, der Rest fährt im eigenen Auto. Dementsprechend ist auch der Service.

18:40
Zurück in der Greyhound Station. Und auch hier: Betrunkene, Junkies, Obdachlose und ein paar mexikanische Immigranten. Der Rest fliegt lieber. Wir machen uns auf eine schlimme Fahrt nach Los Angeles gefasst.
Unser Gepäck wird durchsucht. Und zwar so, wie bisher noch nie auf unserer Reise. Kabelcase, Brillenentui, Toilettentasche, Stinkschuhsack — aaaalles wird untersucht. Wie schön, fremde Hände in meinem Unterwäschesack. Nichts Verdächtiges. Aber unser Schweizer Sackmesser, das der liebe Franz nach Japan brachte: konfisziert! Ein tragischer Moment. Die beiden Keramikmesser hat der am meisten beschumpfene Mann in der Greyhound-Station nicht als solche erkannt. Ein Glück. Ich hätte geheult und getobt. All die Messer und Waffen, die wir auf uns getragen haben könnten, wären ebenfalls unentdeckt geblieben.

19:15
Einsteigen bitte. Die Tickets weisen keine Sitznummer auf, weshalb alle drängeln. Wir können keine Pläze nebeneinander finden, der Bus ist knallvoll, eng und stinkig. Übler war es nur in den alten Schulbussen von Guatemala, Nicaragua und Belize.
Die dicke Mamma ist nach zwei Minuten schon in komatösen Schlafzustand versunken, für den sie zwei Sitze beansprucht. Ich quetsche mich neben einen etwa 14-jährigen. Zur Sicherheit (zu seiner oder meiner?) übergibt er seinen jährigen Sohn der Teenagerfreundin. Es stinkt hier fürchterlich. Das kann es ja wohl nicht sein. Wirklich nicht. So muss sich ein Irrenhaus anfühlen.
Von Mexiko her kommend ist das hier ein echter Schock für uns: Dort machen sich alle frisch für eine lange Busfahrt, die Terminals sind modern und sauber, die Busse bequem, die Sitze nummeriert, alles läuft gesittet ab. Nicht so bei Greyhound. Hier trifft sich der White Trash, die Armen, die Immigranten. Für eine Sozialstudie äusserst spannend, sonst aber eher zu vermeiden.
Mit Junkies im Nachtbus. Sie haben tatsächlich keine Passagiere durchsucht, sondern nur das Gepäck. Wie beruhigend. 

19:45
Nach einer kurzen Tour zum Freeway sind wir wieder zurück bei der Station. Der Fahrer habe angeblich sein Logbuch vergessen. Doch jezt reissen sie in den vorderen Reihen einen Mann hoch, legen ihn im Mittelgang auf den Boden und beatmen ihn. Aufregung bricht aus, alle wollen sehen was vor sich geht. Schon kommt die Ambulanz, Sanitäter übernehmen, schliessen Maschinen an, beatmen weiter. Es scheint zu spät. Wohl ein Herzinfarkt, spekulieren die Leute, zu viel oder die falschen Drogen. Der Mann ist tot, wir fahren los. Somewhatconfusing.

21:50, Phoenix, Arizona, USA
Bus wechseln. Weil Putzen nach Todesfall. Hoffnung auf einen Sitzplatz nebeneinander im nächsten Bus und im besten Fall zwei, drei Stunden Schlaf. Wir stellen uns diesmal gleich an den Ausgang, wie erstfliegende Hitzkopfpassagiere zwei Stunden vor Abflug am Gate (oder nachdem das Flugzeug gelandet ist, gell Tobi). Die meisten andern müssen erst mal ganz viel Rauchen und Trinken, bevor sie sich wieder in den Bus begeben können.
Eine Stunde Pause, die wir mit Anstehen verbringen. Anstehen vor der Türe, die mit dem Schild «Reboarding Westbound» versehen ist. Diesmal wollen wir einen Platz nebeneinander, damit wenigstens einer von uns schlafen kann. Wir drängeln mit, es klappt.

Mittwoch, 16. November 2016

01:20, Raststätte, Arizona, USA
Bei Mc Donalds, Subway und Seven 11 gibt’s die nächste Pause. Die Passagiere rauchen, trinken Cola, einige essen Burger. Die Tankstelle heisst «Travel Center».

04:15 Los Angeles, California, USA
Endlich da. Nie wieder Greyhound. Aber was jetzt, so früh am Morgen?
Wie der Bus, so die Station. Viele Leute scheinen hier zu wohnen, kommen hierher mit ihrem Schlafsack. Das grelle Industrielicht flackert folternd. Ich hätte doch etwas trinken können in den letzten 12 Stunden, die Toiletten hier scheinen erstaunlich sauber.

04:45
Wir finden einen Starbucks, der laut Google schon offen ist, bestellen uns ein Uber-Taxi, das uns da hin bringen soll, und warten. Die Fahrerin heisst Maria und ist Mexikanerin. Seit 20 Jahren hier, niemals zurück in die Heimat gegangen — wohl weil sie keine Papiere hat.
Shiiit, dieser Verkehr hier. Maria scheint noch etwas verschlafen und manövriert eher zögerlich zwischen den Spuren. Ich wünsche mir meine Schlafmaske.

05:30
Wir kommen an. Der Laden ist tatsächlich geöffnet und verkauft herrlich duftenden Kaffee.

06:30
Ein zweiter Kaffee, ein Spinat-Feta-Wrap und Gipfeli. Sonntagszeitung lädt sich erstaunlich schnell mit der Netzgeschwindigkeit hier. Nur zum Lesen sind meine Augen doch zu müde. Noch eine Stunde, dann kann Ariel unseren Mietwagen abholen.

08:30
Ariel ist zurück mit dem Auto. Der Verkehr ist noch eine Stufe krasser als vor drei Stunden. Ariel ist souverän. Ich staune und mache mir vor Angst fast in die Hose. 

10:30
Noëlle, die uns die nächsten Wochen während ihrer Ferien das Haus überlässt, war bis um 4 Uhr im Büro. Wir wollen sie noch etwas schlafen lassen und finden ein zweites Frühstückskaffee in unserer neuen Nachbarschaft. Ich hätte immer noch gerne meine Schlafmaske, diesmal aus akutem Versteckbedürfnis. Fühle mich etwas versifft in dieser neuen Welt.

11:30
Ankunft in unserem neuen Zuhause. Zwischen Beverly Hills und Bel Air, zwischen Mulholland Drive und Sunset Boulevard. Noëlle empfängt uns superfreundlich, im Haus sind noch die Putzfrauen – Mexikanerinnen. Wir freuen uns auf die kommenden Wochen mit dem lustigen Hund «Rooster» und der buschigen Katze in Noëlles wunderschönen Wohnung. Wir duschen und legen uns aufs frisch angezogene Bett. Es ist schön, Zuhause zu sein. Hier wollen wir erst mal nur noch eins: schlafen.

4 Kommentare

  1. Beautiful! What a fantastic story of reality in US. The many layers of our society are hidden behind invisible sleeping masks and locked gates. We hide because we know that could be us in the blink of an eye. California, the land of the beautiful people (many who are fake) and sunshine. Have fun. Breath it all in.

    1. Thank you Jim! We had a wonderful time in Cali, with Joshua Tree, Death Valley and a lot of LA. A land of many layers it is, indeed. That’s what makes it so interesting and special. I hope it continues to be, even with the Donald…

  2. Danke für diesen interessanten Bericht.Dabei kamen mir (72) die eigenen Erlebnisse unserer Amerikareise ,Sommer 1986 in den Sinn.Von Vancouver nach Seattle mit Greyhound ,dann entlang der Küste mit Mietauto (Pontiac) und Besuch in Tijuana (Mexiko)mit Taxi.Von Los Angeles mit billigstem Flug nach Norden geflogen mit umsteigen in
    New York .Und von Toronto zurück in die Schweiz. (13 Tage dauerte dieser Reisestress) doch unvergesslich!

    1. Danke für Ihre Episode. Das waren sicher noch ganz andere Zeiten, doch ist es schön zu hören, dass Sie immer noch davon zehren. Unvergessliche Erlebnisse, die das Leben bereichern. Herzliche Grüsse, Ariel

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